Buchrezension: „Cyberempathy“ von E.F. von Hainwald

Lange schleiche ich um die wunderschön gestalteten Bücher des Gedankenreich Verlags herum. Ein Cyberpunk-Roman erschien mir der perfekte Einstieg und so musste es direkt die Hardcover-Ausgabe von Cyberempathy sein.

Und was soll ich sagen? Das Buch hat mich umgehauen! Doch mehr in meiner ausführlichen Rezension.

TW: Suizid

Handlung:

Das sogenannte Cybernet verbindet alle Menschen miteinander, indem es sie ihre Gefühle mitteilt. So fühlt auch Leon was seine Mitmenschen spüren und teilt im Gegenzug auch immer seine eigenen Emotionen mit der Gesellschaft.

Es ist nur logisch, dass das Cybernet viele Probleme von sich aus beseitigt, schließlich möchte niemand einen anderen Menschen verletzen, wenn er dessen Schmerz ebenso spürt. Deshalb gibt es in Skyscrape, der Stadt, in der Leon lebt, kaum Kriminalität. Auf den unteren Ebenen der riesigen Hochhäuser leben beengt die armen Menschen, auf den höchsten Ebenen die Reichen – zu denen auch Leons Verlobte gehört. Diese ist nicht nur wunderschön, sondern schafft es auch, mit ihrer Musik und ihrer Stimme ihr Publikum in eine Art emotionalen Rausch zu befördern.

Bei Leons Arbeit als Erinnerungskonstrukteur geht schließlich etwas schief und er wird beschuldigt, einen Kunden in den Selbstmord getrieben zu haben.

Seine Geliebte löst die Verlobung auf, Freunde verlassen Leon und er wird schließlich verstoßen – unter die Grundpfeiler von Skyscrape, wo es keinerlei Cybernet mehr gibt und Menschen scheinbar steinzeitlich aufeinander losgehen.

Doch gerade hier wird Leon Freunde finden, die wirklich zu ihm halten. Er lernt, was Gefühle wirklich wert sind und was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Meinung:

Ich habe es eingangs ja schon angedeutet und auch in Social Media bereits verkündet: ich halte Cyberempathy für ein Meisterwerk!

Die Geschichte ist großartig udn nirgends vorherzusehen. Anfangs wusste ich gar nicht, was mich erwartet und wohin mich die Reise führen würde, hatte ich das Buch vor allem aus Interesse am Cybernet und wie dieses aufgebaut sein sollte gekauft. Und ich wurde dahingehend nicht enttäuscht.

Die geteilten Gefühle sind gut herausgearbeitet, Gefahren und Vorteile bedacht und ich mag es auch, wie keine Seite die „richtige“ zu sein scheint. Sowohl das Cybernet hat Vorteile, als auch die Welt ohne das Cybernet und das fand ich wirklich genial! Obwohl natürlich (kleiner Spoiler) das Cybernet zum Ende hin zum Gegner wird, löscht es auch große Probleme aus und macht die Welt erträglicher.

Als Leon verstoßen wird und das erste Mal durch die Unterwelt irrt, wird das besonders deutlich und zeigt sich in wunderbarer Brutalität: Verstoßene sind darauf angewiesen, Organe/Körperteile zu verkaufen, um zu überleben.

Ich liebte die Charaktere und die ganze Welt! Lux, Rade und Leon sind wunderbar ausgearbeitet und sind Menschen, mit denen ich auch gerne befreundet wäre. Sie sind einfach eine verdammt coole Truppe, die auch zusammenhält, wenn einer mal Mist baut (und das macht doch Freundschaft aus, oder?)

Die Geschichte hält einige Überraschungen bereit. Ich gebe ja gerne zu, dass ich von Anfang an ein gewisses Pairing extrem gewollt und es auf die ein oder andere Weise auch bekommen habe. Es gibt auf und abs, die sich vor allem auf die Beziehungen der Personen untereinander beziehen, die Welt ist datailreich, voller Drogen, Clubs und Kleinigkeiten, die sie sehr lebendig und nachvollziehbar machen.

Am Ende erfährt alles noch eine dramatische Wendung und ich hätte mir so gerne mehr gewünscht! Bitte unbedingt einen zweiten Teil schreiben, aaaah! Nein, ich verstehe und honoriere dieses abrupte Ende aus Autorensicht absolut. Dafür ziehe ich meinen Hut. Aber aus Lesersicht möchte ich noch viel, viel mehr von Leon lesen und unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Die Idee des Cybernets ist genial (ich weiß, ich wiederhole mich), handwerklich auf sehr hohem Niveau umgesetzt und wenn ich etwas kritisieren müsste, so wäre es die fehlende Triggerwarnung. Es kommt ein Suizid vor, der auch teilweise beschrieben wird und mich etwas aus dem kalten heraus erwischt hat. Ich war in guter Verfassung, als ich Cyberempathy gelesen habe, habe aber dennoch gemerkt, wie mich diese Stelle in ein Loch ziehen wollte. Insofern wäre eine Warnung aus meiner Sicht wünschenswert. (Man könnte solche Warnungen ja ans Ende des Buches auf eine separate Seite drucken, sodass Leute, die sie nicht sehen/nicht gespoilert werden wollen sie nicht sehen)

Am Ende bleibt mir nur, den Autor anzuflehen, doch bitte weiterzuschreiben und mir einen zweiten Teil zu schenken, haha 😀 Und niederzuknien vor der herausragenden Idee, dem fließenden Stil und den authentischen Charakteren. Vielen Dank für diese gefühlvolle Geschichte, die sich einen Platz in meinem Herzen erobert hat!

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