Gastartikel: Der Alptraum vom Verlag

(Ich wurde anonym gebeten, diesen Artikel zu veröffentlichen. Er stammt nicht von mir, Namen werden auch auf Nachfrage nicht genannt. Da ich dieses Thema wichtig finde, möchte ich diesen Beitrag hiermit den Raum geben, den er verdient)

Wie jeder, der das Schreiben liebt, habe auch ich, seit ich damit begonnen habe, einen innigen Wunsch: Dass meine Geschichten gelesen werden. Menschen gefallen. Zum Träumen bringen. Sie unterhalten.

Dank der heutigen Möglichkeiten ist Selfpublishing auch in einem Meer aus wählerischen oder ausgebuchten Verlagen eine Option, um seine Titel selbst anzubieten. Wer es hier auf eine große Reichweite bringen will, braucht aber vor allem eins: Geschick fürs Vermarkten. Das fehlt mir. Und so träume ich, wie sicherlich viele andere Autoren auch, vom erfolgreichen Publizieren über einen Verlag. Vorab die guten Nachrichten: Das Publizieren im Verlag ist mir gelungen. Die schlechten: Die Zusammenarbeit war von vorne bis hinten eine ärgerliche und entsetzliche Erfahrung für mich.

books-1680953_1920.jpgMein Wunsch war es, mein Buch so gut wie möglich zu gestalten, das Beste herauszuholen und möglichst vielen Menschen eine Freude damit zu machen. Ein bisschen möchte ich natürlich auch dadurch meine Bekanntheit steigern und hey, gegen ein paar Einnahmen hat niemand etwas einzuwenden, oder?
Mein Wunsch wurde leider nicht erfüllt. Mein Buch wurde zerrupft, ich wurde mehr als einmal rüde beleidigt. Meine Geschichte versauert nun unbeachtet in den Weiten von Amazons Kindleshop.

Als ich mich für einen Kleinverlag entschied, waren meine Gründe dafür eine persönliche Zusammenarbeit auf einer freundschaftlichen Ebene, die ich mir gewünscht hatte, nebst einem gemeinsamen Wachstum. Bekommen habe ich einen garstigen Umgangston, unprofessionelles Verhalten und jede Menge schlaflose Nächte und Ärger für nichts.

Hier ist meine Geschichte.

Ende letzten Sommers war es also soweit. Ein neues Buch war fertig geschrieben, die Verlagssuche begann. Größenwahn ist nicht mein Ding, genauso wenig wie umwerfende Exposés, die in fünf Zeilen meine Buch Idee kurz und knapp auf den Kopf treffen und dazu auch noch umhauen. Außerdem, welcher renommierte Großverlag will mich „unbekanntes graues Mäuschen“ schon näher in Augenschein nehmen?

Meine Wahl ist also klar: Ein Kleinverlag. Tatsächlich zeigen sogar zwei Verlage Interesse. Der Mailkontakt mit beiden Ansprechpartnerinnen ist angenehm und sympathisch. Ich entscheide mich letztlich für den Verlag, der mir bessere Absätze verspricht. Die Titel des Verlags haben allesamt reichlich Rezensionen bei Amazon, das deutet auf einen guten Käuferstamm und auch eine gute Vermarktung hin.

Wir unterzeichnen den Vertrag und nun vermute ich, dass demnächst ein Lektorat mein Manuskript bearbeitet, anschließend ein Korrektorat und schließlich eine Veröffentlichung erfolgt. Es kommt ein wenig anders. Ich erhalte zuerst einen Coach an die Seite gestellt. Der Coach ist eine andere Autorin, die bei dem Verlag dabei ist, und mit mir bespricht, wie ich vor allem den etwas zähen Anfang verbessern kann. Gleichzeitig sendet sie mir das Manuskript Stück für Stück mit ihren Anmerkungen und Korrekturen, wo ihr Fehler auffallen, zurück. Klingt irgendwie wie ein kleines Lektorat, oder?

Es sind viele gute Hinweise dabei und ich versuche diese nach bestem Gewissen umzusetzen. Hin und wieder muss ich mich wundern, wenn korrekte Ausdrücke oder Zeichensetzungen angestrichen und durch falsche, die angeblich richtig sind, ersetzt werden sollen. Ich vertraue hier dem Duden und verspüre erste Zweifel.

roof-768735Auch anderen Vorschlägen kann ich nicht ganz folgen. Meine Gliederung in sieben längere Kapitel mit ausgewählten Titeln wird als blöd empfunden, stattdessen soll ich alle paar Seiten einen Kapitelumbruch einfügen, die Kapitel möchten dabei bitte stur numerisch 1, 2, 3, 4 etc heißen. Ich finde das schade, da es Schwerpunkte zerstört und Individualität einstampft und frage mich – ist das das Opfer, was Autoren in Verlagen bringen müssen? Ihre eigenen Vorstellungen aufgeben um einem Konzept zu entsprechen, das sich möglichst verkauft?

Mir ist klar, dass ich Abstriche werde machen müssen. Doch Kapiteln Namen zu geben und auch Kapitel zu schreiben, die länger als drei, vier Seiten sind, ist keine seltene Praxis. Tatsächlich kenne ich viele tolle Bücher, die ihre Geschichte ebenso gliedern. Ich argumentiere für meinen Wunsch, verliere jedoch letztlich und habe am Ende auch keine Kraft mehr zu „diskutieren“ – aber ich greife vor.

Mein Coach und ich bearbeiten das Manuskript einmal von vorne bis hinten. Nun soll der nächste Schritt sein, dass das Manuskript ins Lektorat geht. Es ist Ende November und eingangs haben wir eine Veröffentlichung im Frühjahr angepeilt.

Als ich Ende November aus gesundheitlichen Gründen einen herben Schlag erhalte und drei Monate lang nahezu völlig ans Bett gefesselt bin, bin ich nervös. Wird jeden Augenblick das lektorierte Buch eintreffen? Schaffe ich es in dem Zustand, meinen Pflichten gerecht zu werden?

Die Zeit geht ins Land. Der Januar und Februar vergehen, ich erhole mich gesundheitlich allmählich, bin aber psychisch noch sehr angeschlagen. Als es März wird und ich langsam wieder in den Alltag zurückfinde, fällt mir auf, dass ich seit über vier Monaten nichts von meinem Verlag gehört habe. Sollten sie irgendwie erfahren haben, dass ich krank war und aus Rücksicht erstmal abgewartet haben? Das ist unmöglich. Ich melde mich also bei meiner Ansprechpartnerin, der Verlagsleiterin, dass wir vier Monate gar nichts voneinander gehört haben und erkundige mich nach dem Stand.

Die Antwort fällt recht ruppig aus. Mein Anfang gefalle niemandem und sei so schlecht, dass man intern Schwierigkeiten habe, das Buch anständig zu lektorieren, die Lektorin, die es bearbeitet hat, habe das alles nicht zur Zufriedenheit hinbiegen können, sorry dass man mir das so sagen müsse, aber ich wolle es ja offenbar so.

Ich bin erschrocken beim Erhalt der Nachricht. Weniger über die Info, dass die Bearbeitung sich etwas hinzieht, noch darüber, dass der Anfang noch geändert werden muss oder ähnliches.

Ich bin schlicht und ergreifend erschüttert, in welcher Heftigkeit ich angegangen werde aufgrund der simplen Nachfrage nach über 16 Wochen Funkstille, wie denn der Stand der Dinge sei.

Nun bin ich erwachsen und kein kleines Mäuschen und nehme mir das Recht, auf Augenhöhe mit all meinen Geschäftspartnern zu kommunizieren. Ich erkundige mich, warum mein Manuskript denn angenommen wurde, wenn es derat große Schwierigkeiten bereitet, es „geradezubiegen“. Die Antwort darauf fällt noch biestiger aus und ich entscheide mich, das Thema erstmal zur Ruhe kommen zu lassen, indem ich mich für den Zwischenstand bedanke und nun geduldig abwarte.

Der heftige Zusammenprall hat einen fahlen Nachgeschmack bei mir hinterlassen und die Erschütterung und auch der Ärger über die bösen Worte hallt nach, vor allem, da ich mich nach der Krankheit psychisch noch recht „wacklig auf den Beinen“ fühle.

Umso überraschter bin ich, als eine Woche später plötzlich die Mail eintrudelt, intern hätten sich Dinge verschoben im Bearbeitungsplan, mein Manuskript würde nun bearbeitet. Kurze Zeit darauf ist das Lektorat fertig – die Lektorin hatte am Anfang der Geschichte nichts auszusetzen und die Verlagsleiterin entschuldigte sich leicht zerknirscht, ihr Blick sei womöglich noch vom ursprünglichen Anfang, der etwas zäh gewesen war, getrübt gewesen.

Der schale Nachgeschmack bei mir wird immer größer, aber ich hoffe, dass damit alle Ärgernisse geregelt sind.

Die Lektorin hat durchgängig gute Anmerkungen und zeigt Logikfehler auf, wo welche sind. Durch das hilfreiche Lektorat kann ich am Ende auf einen ganz guten Prozess zurückblicken. Die Kröte mit den nummerierten, kurzen Kapiteln ohne Namen habe ich inzwischen geschluckt. Die Verlagsleiterin bestünde darauf und ich möchte nicht weiter streiten. Überhaupt bin ich im Moment eigentlich froh, wenn wir an der schönen Stelle angekommen sind. Der, wo ich als Autorin jubele und meine Veröffentlichung bewerbe. Wo der Verlag mein Erscheinungsdatum bekannt gibt. Der, wo ich mit glühenden Wangen zuschauen kann, wie die Leser reagieren.

people-692005_1920Nach dem Lektorat erhalte ich das Korrektorat zurück – von der Verlagsleiterin persönlich. Da wir uns im Urban Fantasy Bereich befinden, ist mein Hauptcharakter knappe 150 Jahre alt und führt eine entsprechende Erzählweise. Daher wurmt es mich etwas, dass gefühlt auf jeder Seite irgendetwas mit der Bewertung „altbacken“ oder „gestelzt“ angestrichen ist. Vorher war dies niemandem negativ aufgefallen, nun ist plötzlich die halbe Sprache der Geschichte unmodern. Ich habe inzwischen gelernt, dass „diskutieren“ mit der Verlagsleiterin zu nichts außer Ärger führt, daher lasse ich es bleiben und ersetze dort, wo ich das guten Gewissens tun kann, durch ein gebräuchlicheres Wort und übergehe dort, wo meine Wortwahl mir als die beste erscheint, den Hinweis.

So. Da haben wir es. Das fertige Buch. Ich bin unfassbar erleichtert und traurigerweise hauptsächlich aus dem Grund, weil nun die Kommunikation mit dem Verlag nicht mehr so intensiv erfolgen muss.

Ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich mit klopfendem Herzen Nachrichten geöffnet habe. Nicht klopfend vor Aufregung, sondern beinahe schon vor Angst, welche Unsachlichkeiten mir diesmal wohl an den Kopf flögen.

Ich habe falsch gedacht. Der Inhalt ist nicht alles, nun folgt ein Drama um das Cover. Ich war davon ausgegangen, dass der Verlag hier seine Entscheidungen treffe und ich nicht involviert wäre. Stattdessen werden mir einige grundlegende Optionen angeboten. Ich verstehe das als Einladung zum Brainstorming und Ideen sammeln. Da ich noch nie vorher mit einem Verlag gearbeitet habe, weiß ich nicht, was üblich ist und was von mir erwartet wird, wieviel oder wenig Input gewünscht ist.

book-3088775_1920.jpgDaher mache ich mir einige Gedanken, recherchiere Cover aus meinem Genre und schaue nach gängigen Ideen, die schön sind. Die gesammelten Ideen verkürze ich auf einige Absätze und teile sie mit der Verlagsleiterin. Auch hier erhalte ich sofort einen überraschenden, gewohnt ruppigen Dämpfer. Einzelwünsche würden nicht berücksichtigt und überhaupt wäre die Frage ja nur nach einem bestimmten Teil gewesen und einige der Vorschläge von mir kämen sowieso überhaupt nicht infrage. Ich seufze beim Lesen der Nachricht und frage mich, ob ich denn wirklich alles falsch mache, dass mir gefühlt jedes Mal, wenn ich eine Frage beantworte oder selbst eine stelle, ein Wutanfall der Verlagsleiterin um die Ohren fliegt – oder ob mich die gute Frau einfach nur nicht ausstehen kann. Wenn ja, ist mir unklar warum. Man kennt sich doch allenfalls sehr flüchtig. Des Weiteren habe ich bei der Antwort das Gefühl, die Leiterin hat meine Nachricht entweder nur gröbstens überflogen oder nicht verstanden. Ein Mann mit freiem Oberkörper auf dem Cover ginge gar nicht, dafür sei mein Buch zu prüde. Einen Mann auf dem Cover hatte ich nicht vorgeschlagen und das Wort „prüde“ finde ich merkwürdig, da es in dem Kontext abwertend wirkt. Meine Entscheidung für Erotikszenen ohne vulgäre Sprache halte ich für eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Die wiederholt angriffslustige Nachricht erschöpft und frustriert mich. Allmählich bekomme ich das Gefühl, die Verlagsleiterin suche aktiv nach Möglichkeiten mich zu belehren oder in die Schranken zu weisen. Ich bin teilweise nicht mehr sicher, ob wir gemeinsam an einem bestmöglichen Produkt arbeiten oder lediglich ein Tauziehen darüber ausführen, wer „gewinnt“ und wer nicht. Dass ich ein solches Tauziehen nicht gewinnen würde, ist doch klar, deswegen ist mir daran gar nicht gelegen.

Einige Tage später erhalte ich von der Verlagsleiterin schließlich ein Bild. Das Cover meines Buches, frisch von der Coverdesignerin eingetrudelt. Ist es das fertige Cover? Oder ein Entwurf? Ich weiß es nicht. Soll ich es abnicken? Soll ich Feedback geben? Ist es ein „zur Info“?

Erneut stoße ich an den Punkt, dass ich als Verlags-Neuling nicht weiß, was von mir erwartet wird. Ich entschließe mich also zur Ehrlichkeit, lobe das Cover und merke an, dass der gewählte Charakter auf dem Bild eine sehr andere Haarfarbe als meine Hauptheldin hat. Ob die Haare eingefärbt werden könnten?

Und offenbar ist das mein größter und letzter Fehler. Die Verlagsleiterin ist über die Maßen wütend, findet mich undankbar und legt fest, dass wir zum ersten und letzten Mal miteinander gearbeitet haben. Alles natürlich nicht persönlich gemeint, sondern rein professionell, versteht sich.

Dass nach den vorangegangenen Gesprächen, in denen ich vor Ärger entweder fassungslos auf meine Mails gestarrt habe oder beinahe ängstlich die Nachrichten geöffnet habe, eine weitere Zusammenarbeit für mich gar kein Thema mehr ist, sei dahingestellt.

Ein letztes Mal frage ich mich – inwieweit liegt das Ganze Theater hier eigentlich an mir? Habe ich mich in den Nachwehen meiner gesundheitlichen Katastrophe doch zu oft im Ton vergriffen, hätte ich kriecherischer oder mehr „ja, amen“ sein müssen? Freunde bestätigen mir natürlich, mein Ton sei okay und sachlich und die Nachrichten der anderen Seite sehr aggressiv – aber dazu sind es ja meine Freunde.

Ich ringe mit mir, weihe aber schließlich die Verlagsleiterin ein, was in den vergangenen Monaten bei mir los war. Krankenhausaufenthalte, Bettlägerigkeit, Beerdigungen. Wenn sie sich über meinen Ton geärgert haben sollte, vielleicht kann sie nun einordnen, dass was auch immer gesagt wurde, nicht gegen sie gerichtet war, so sie sich denn attackiert gefühlt haben sollte.

Die Verlagsleiterin überrascht mich erneut. Mit keinem Wort geht sie auf das ein, was ich ihr erzählt habe, stattdessen beschwert sie sich ein weiteres Mal darüber, dass Haare einfärben zu aufwändig und keine Kleinigkeit sei und ab sofort jegliche Kommunikation per Mail und nicht per Messenger erfolgen würde. Mir läuft es bei dieser Kaltschnäuzigkeit eisig den Rücken herunter, aber ich beschließe an dieser Stelle, das Thema abzuhaken.

Das Buch erscheint. Der Verlag wirbt für das als Kindle erhältliche Buch mit insgesamt drei Facebook-Posts: Cover-Release, Release-Datum, Erscheinung. Jegliches weiteres Marketing entfällt, die Resonanz ist entsprechend gering, die geringe Resonanz dient als Grund, kein Print on Demand einzurichten.book-1659717_1920

Was lerne ich aus dieser Geschichte? Lerne ich, dass Kleinverlage immer doof sind? Dass ich in Zukunft vielleicht lieber immer nur brav ja sage und nicke und keine Fragen mehr stelle?

Nicht wirklich. Viele AutorenkollegInnen haben sehr gute Erfahrungen mit kleinen Verlagen gemacht. Auch in der Rückschau kann ich keinerlei Anhaltspunkt entdecken, der mich vorgewarnt hätte, wie die Arbeit mit diesem Verlag verlaufen würde. Der Ton und die Gestaltung von Webseite, Facebook-Auftritt und auch anfängliche Kommunikation waren durchgängig nett und sympathisch.

Für mich bleibt viel Ernüchterung. Die Rechte für mein Buch, das sich unter den Umständen wohl kaum verkaufen wird, trotz bisher durchgängig sehr guter Rezensionen, sind zehn Jahre weg, mein Kopf hat einige graue Haare mehr bekommen und ich bin traurig. Der Traum von der Verlagspublikation war in diesem Falle eher ein Alptraum.

Gebe ich deshalb auf?

Quatsch, natürlich nicht. Ich sehe, dass es anders geht. Weiß von anderen Autoren, die eine tolle und liebevolle Zusammenarbeit, auch mit ihrem Kleinverlag, führen.
Das Autorenleben ist voller Rückschläge. Man scheitert an sich selbst, an Testlesern, am Geld, an der Hürde, beim Verlag angenommen zu werden – und manchmal auch an der Arbeit mit dem Verlag selbst.

Aber eines zeichnet uns aus: Die Liebe zum Schreiben ist stärker als alle Hindernisse und deshalb geben wir niemals auf. Und das ist auch gut so.

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