Rezension: American Gods von Neil Gaiman (Buch)

Nach drei Jahren wird Shadow endlich aus dem Gefängnis entlassen. Und erfährt jäh, dass seine Frau gestorben ist und er hierdruch seinen Platz in der Welt verlor. Seine Wurzellosigkeit und die Hartnäckigkeit des mysteriösen Wednesday lassen ihn den Job bei dem alten Kauz anzunehmen und hierdurch in einen Roadtrip durch die Gottlosigkeit der Vereinten Staaten zu geraten.Das klingt nicht nur verrückt, das ist es auch, denn auf knapp 600 Seiten werden wir immer wieder in die Welt von Göttern, Sehenswürdigkeiten und skurrilen Gesprächen geworfen, aus denen sich so manche, noch skurrilere Situation ergibt. Doch dazu später mehr.

Nachdem ich im letzten Jahr die gleichnamige Amazon- Serie gesehen habe und sie mich absolut begeistern konnte, schlich ich auch um den Roman. Die Serie war anders, sie war manchmal quälend langsam, dabei aber visuell brilliant und absolut abgedreht. Das wollte ich auch im Buch lesen – und diese Erwartungshaltung (und dass mein Freund das Buch vor mir lesen wollte, dafür aber lange brauchte) war es, dass ich mich nicht direkt an den Roman traute. Vollkommen zu Unrecht!

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American Gods macht genau das, was gute VErfilmungen für mich ausmachen: es erzählt die Geschichte aus dem Roman nicht 1:1 wieder, sondern wandelt sie in etwas Filmtaugliches um, das das ursprüngliche Gefühl des Buches wunderbar auch in die Serie transportiert: Verwirrung, Was-zum-Teufel-geht-hier-vor Momente und Szenen, die so bizarr sind, dass ich zwischendurch nur über diese Ideen lachen konnte. Es ist großartig.

Wir begleiten die Geschichte von Shadow, aus dem dritten Erzähler. Unterbrochen von kleinen Anekdoten („Unterwegs nach Amerika“), die auch gut als in sich abgeschlossene Kurzgeschichten funktionieren und deren Charaktere wir des öfteren in der Hauptgeschichte wiedersehen.

Womit wir schon bei der – meiner Meinung nach – größten Stärke von American Gods sind: den Charakteren. Sie alle sind vollkommen abgedreht, trachten Shadow meistens nach dem Leben und sind trotzdem allesamt liebenswert. Diese durchgeknallte Bande ist dabei trotzdem immer nachvollziehbar, sind doch viele von ihnen gefrustet und leben viel länger, als ein Mensch es würde. Den Göttern kaufe ich in jeder Zeile ab, dass sie Götter sind, auch wenn – oder gerade weil – sie laut vor sich hinfluchen, Dame spielen, Kaffee trinken, den ganzen Tag schlafen.

Shadow wirkt dabei oft beabsichtigt farblos ohne es tatsächlich zu sein. Er stellt weniger Fragen, als wir alle es tun würden und ergibt sich trotzdem nicht in sein Schicksal. Er ist tatsächlich eine Figur, die sich schwer fassen lässt (wie ein Schatten) und der ich gerne gefolgt bin, weil er diesen stummen Drang nach Gerechtigkeit, nach Auklärung verfolgt.

Im Gegensatz zur Serie macht das Buch weniger ein Geheimnis aus Wednesdays wahrer Identität und dem Grund der Auseinandersetzung, was dennoch nichts aus der Spannung nimmt.

Dabei ist die ganze Erzählung in einem Roadtrip aufgezogen, was als Setting für eine Geschichte, die die Ursprünge und die Seele von Amerika aufzeigen will, perfekt geeignet ist und mich immer wieder in verrückte, in so idyllische, dass es wehtut und in finstere Orte mitgenommen hat. Auch die eine oder andere Sehenswürdigkeit konnte ich auf meiner Reise durch American Gods besuchen und bestaunen.

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Neil Gaimans Schreibstil ist großartig. Er wechselt ständig zwischen bildhaften Szenen, abgehackten Gesprächen und schlichten, schmucklosen Feststellungen. Merhfach hat er mich zum lachen, zum schlucken, einmal sogar zum weinen gebracht, weil er eine absolut traurige Szene so herrlich locker und schnörkellos abgerissen hat, dass es großes Kino war.

Er ist einer der Autoren, denen ich es nie übelnehme, wenn sie ausschweifen oder ganze Passagen für die Geschichte unwichtig sind und einfach stehengelassen werden, weil sie gut klingen – ich habe trotzdem jedes seiner Worte genossen.

An dieser Stelle: ich habe die „Director’s Cut“ – Version von American Gods gelesen, die um 14.000 Wörter länger als die Ursprungsversion ist und würde mich jederzeit wieder für eine Uncut- Version von Gaimans Werken entscheiden. Seine Worte sind Kunst und Kunst braucht Platz.

Auch war das Ende mal nicht übereilt und schnell abgehakt, sondern nahm sich ausreichend Zeit, die Fäden zu Ende zu spinnen, die die Geschichte aufbaut, sodass es sich wie ein schöner Ausklang gelesen hat, ein Abschied von liebgewonnenen Freunden.

Zwar wird die Beziehung zu Shadows Frau immer wieder thematisiert, jedoch gibt es keine explizite Liebesgeschichte, keine schnulzigen Momente. Wenn es überhaupt mal Szenen mit ihr gibt, so begleitet sie ein fast schauriger, Unheil- verkündender Beigeschmack. Dafür gibt es wie schon erwähnt reichlich skurrile Dialoge und ja, auch jede Menge Blut und Gaiman- Momente, die unvorhersehbar sind.

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Fazit

American Gods ist eines dieser Bücher/ eine dieser Serien, die man entweder hasst oder liebt. Ich kann es verstehen, wenn man nichts damit anfangen kann und den Stil erschöpfend findet oder es alleine wegen dem Amerika- Theam zu patriotisch findet und ablehnt.

Ich fand es großartig. Von der ersten Seite bis zur letzten. Das Buch noch etwas mehr als die Serie, die ihre Sache aber auch super macht (alleine das Opening!). Aber ich bin eben Autor. Und ich liebe es, wenn Autoren sich trauen, die „Heldenreise“ Struktur zu durchbrechen, etwas Neues zu wagen und einen ganz eigenen, krassen und gleichzeitig faszinierenden Stil haben, sich auch genug Zeit für Nebencharaktere nehmen und eben vor allem durch ihre verrückten, liebenswerten Figuren leben.

Von mir eine klare Leseempfehlung, wenn ihr auf erwachsene Urban- Fantasy in außergewöhnlichem Setting mit spannenden Charakteren steht, mit denen ihr langsam die Welt erkundet und dabei nicht von Action erschlagen werden.

Erscheinungsdatum: 15.05.2015 (Originalausgabe: 2001)
Genre: Urban- Fantasy (wird in manchen Literaturforen auch als Sci Fi eingeordnet)
Länge: 672 Seiten
Autor: Neil Gaiman

 

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