Die Entstehung einer Kurzgeschichte – Inspiration, Plotten, Schreiben, Überarbeiten

Wenn ein fertiges Projekt vor mir liegt, dann fällt es mir selbst immer schwer nachzuvollziehen, wie genau das entstanden ist. Für meine Kurzgeschichte „Die gleißende Dunkelheit der Wüste“ habe ich das aber einmal detailliert aufgeschrieben und werde euch hier einmal zeigen, wie ich vorgehe, wenn ich eine Kurzgeschichte schreibe.

Angefangen hat es mit einem Aufruf vom Talawah Verlag. Für die P-Files suchte dieser kleine Verlag nun Kurzgeschichten, in denen es um den Phönix geht. Da ich mich bei Fantasy immer wohlfühle hat mich das Thema angesprochen – eine spontane Idee hatte ich aber nicht.

Was nun?

Recherche! Ich habe das Internet auf den Kopf gestellt, über den feurigen Vogel gegooglet und habe alles aufgeschrieben, was bei mir Begeisterung und ein „Das will ich umsetzen!“ Gefühl ausgelöst hat. Dabei habe ich nicht einfach Stichpunkte gesammelt, sondern alles direkt in ein Mind- Map geworfen.

Schnell kam für mich dabei raus, dass ich den Phönix als Totengott und in einer Art Wüste umsetzen wollte. Anfangs dachte ich an eine Eiswüste im Kontrast zu dem Feuer, das er ausstrahlt. Im Laufe meiner Recherche fand ich jedoch mehr und mehr den Bezug zu Osiris und dem alten Ägypten spannend und habe eine rote Sandwüste gewählt.

 

 

Auch tragend war für mich das Motiv der Wiedergeburt und damit die Unsterblichkeit, die dieses Wesen besitzt und ich fragte mich, was denn passiert, wenn man diesen Totengott, diese Verkörperung des Jenseits einfängt und wegsperrt und damit automatisch alle unsterblich werden.

Und so kam es, dass ich einen Satz der Geschichte plötzlich ganz genau im Kopf hatte:

„Indem du mich unsterblich machtest, brachtest du mich um.“

Ich überlegte zu der Unsterblichkeit und dass sie einem Menschen nicht guttun konnte. Dass man verrückt werden müsste, wenn man in einer Wüstenwelt lebt, in der Niemand stirbt und man aber trotzdem einsam ist.

Schon lange wollte ich mal etwas ganz experimentelles machen und eine psychische Störung umsetzen bzw. einen Protagonisten haben, der ganz klar Wahnvorstellungen und dergleichen hat (paranoide Schizophrenie). Und gerade in meinem Szenario hatte sich das so gut angeboten, dass ich ohne weiter darüber nachzudenken, genau das umsetzen wollte.

Die Person sollte sich ständig im Konflikt mit sich selbst befinden, ständig gegen sich selbst arbeiten und verschiedene, ganz gegensätzliche Dinge denken und sagen. Deshalb beschloss ich, abwechselnd im „Du“ und „Ich“ zu schreiben.

Mit dem „Du“ habe ich damit automatisch den Leser als solchen noch angesprochen und wollte verdeutlichen, dass Jeder in solch einer Lage verrückt werden würde oder Jeder in solch eine Lage kommen kann. Mit dem „Ich“ wollte ich eine kleine Instanz schaffen, die immer ganz unsicher ist und leise widerspricht. Leise und doch so kraftvoll, dass sie verunsichert.

Und natürlich auch den Leser verunsichert, der ja nicht weiß, dass mein Protagonist verrückt ist und sich selbst in Verwirrung und der Frage wiederfinden soll, ob das alles real oder nur Einbildung ist.

Zu diesem Moment stand der Schreibsountrack für mich schon fest und ich habe nur eine grobe Outline festgelegt, bevor ich loslegte mit Schreiben: mein Protagonist sollte durch die Wüste streifen, ein geheimes Labor stürmen und den Phönix (und damit den Tod befreien). Alles Weitere sollte beim Schreiben kommen.

Den Protagonisten habe ich mir übrigens die meiste Zeit als Mann vorgestellt, als ich die Geschichte geplant und geschrieben habe. Es kann aber natürlich auch gut eine Frau sein.

Bei einigen Geschichten ist die Musik wichtiger als bei anderen. Hier hat mich ganz klar der Soundtrack von dem großartigen Spiel Hellblade – Senuas Sacrifice getragen. Den Song „Gramr“ habe ich beim schreiben auf und ab gehört, denn das Spiel passte thematisch großartig zu dem Szenario, das ich im Kopf hatte.

Das Schreiben selbst war anstrengender, als wenn ich Szenen in Romane oder andere Kurzgeschichten schreibe. Gerade bei Kurzgeschichte zählt oft jedes Wort, jeder einzelne Satz und so habe ich versucht, jedem einzelnen meiner Worte Bedeutung zu geben. Geschrieben habe ich etwa um die zwei Stunden. Dazwischen habe ich immer wieder Pause gemacht, durchgeatmet und das Zimmer verlassen.

Die Geschichte habe ich tatsächlich in einem Durchgang geschrieben. Dabei hatte sie bei mir nur einen Arbeitstitel („Phönixgeschichte“), der direkt nach dem Tippen geändert wurde.

Bei „Die gleißende Dunkelheit der Wüste“ wollte ich gleichzeitig Blindheit und Erkenntnis ausdrücken und den Konflikt zeigen, indem mein Protagonist sich befindet, der Gegensätzlichkeit seiner Gedanken und dem Ausweg in seinem Tod bedingt durch seine Reue und Unsterblichkeit. „Gleißend“ ist dabei aber besonders grell und schmerzhaft und soll den langen Weg verdeutlichen, den er gehen muss.

Aber ich wollte hier auch schon eine kleine Andeutung schaffen, ob denn alles so real ist, wie es geschieht.

desert-2468275.jpgDa ich nachts schreibe, bin ich schlafen gegangen und habe am nächsten Tag begonnen, die Geschichte zu überarbeiten. Dabei gehe ich selbst erstmal in drei Durchgängen drüber:

Im ersten Durchgang achte ich auf Logikfehler, Fragen, die ich noch nicht geklärt habe (die aber notwendig sind) und ob die Geschichte einen schönen Bogen schließt.

Im zweiten Durchgang versuche ich dann zu straffen, wo notwendig und vor allem den Anfnag und das Ende besonders zu stärken.

Zuletzt merze ich noch alle Rechtschreibfehler aus.

Dann ging die Geschichte an meine lieben Schreibbuddies und noch einige weitere Testleser, weil ich hier im Nachhinein doch sehr unsicher war, ob man dieses Experiment als Leser überhaupt versteht oder nur frustriert ist.

Die Meinungen waren gemischt, was okay für mich war. Solange es einige Leser gab, die meine Grundidee verstanden, so hatte ich meine Energie nicht evrschwendet. Ich bekam außerdem noch einige Tipps zur Verbesserung, habe die Geschichte nochmal komplett überarbeitet und bin ein letztes Mal über die Fehler gegangen.

Dann habe ich die Seiten noch einmal zwei Wochen ruhen lassen (weil ohnehin noch Zeit bis Ausschreibungsende war) und bin dann ein letztes Mal drüber, bevor ich sie rausgeschickt habe.

Weil sie zu metaphorisch war, wurde sie leider abgelehnt. Aber damit hatte ich gerechnet. Denn nachdem ich sie abgeschickt habe, habe ich die U-Files (Einhorn- Akten) von demselben Verlag gelesen und fand keine einzige Geschichte, die ansatzweise so schwer war wie meine, oh je!

Aber daraus habe ich wieder etwas gelernt: Recherche beim Verlag. Was veröffentlicht er, wie sind die Geschichten aufgezogen?

Im Nachhinein bereue ich es aber nicht, dass ich dieses Projekt angegangen bin und liebe diese Kurzgeschichte wirklich ganz besonders. Sie hat unfassbar viele Nerven gekostet und mich vor allem Selbstbewusstsein gelehrt, weil nicht all meine Testleser sie verstanden oder gemocht haben.

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Zu meiner fertigen Kurzgeschichte „Die gleißende Dunkelheit der Wüste“ geht es hier lang: *klick*

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