Nachtgedanken: schütz dich selbst, Mädchen!

Ich liege heulend auf dem Boden des Badezimmers. Die Hängeleuchte scheint mir mitten ins Gesicht und meine lichtempfindlichen Augen. Die Kälte der Fliesen unter mir kriecht in meine Knochen. Es kommen nicht viele Tränen, aber sie sind schmerzhaft, sie schnüren mir den Atem ab.

Ich hyperventiliere, bekomme keine Luft, weil mein Herz so rast, kann meinen Puls nicht verlangsamen, weil ich keine Luft bekomme. So lächerlich. Lachend muss ich weinen und krümme mich vor Schmerzen. Ist das eine Panikattacke? Keine Ahnung.

Mitten in der Nacht liege ich dort auf kalten Fliesen, lasse den Wind des geöffneten Fensters über mich rieseln und gebe mich den Wellen der Tränen hin. Ich weiß nicht genau, woher sie kommen. Mein Herz rast immer noch.

„Atmen“, sage ich mir. Atmen.

25, 24, 23. Ein- und ausatmen. Das Strömen von Luft in meinem Hals, mein Burstkorb, der sich hebt und senkt. Ich habe Schmerzen in der Brust, Schmerzen als würde sich mein Herz verknoten und verkrampfen, bis es ganz klein und unsichtbar wird.

Aber ich muss atmen. Ruhig atmen.

Wie bin ich hierhin gekommen?

Ich bin geflohen. Zusammengerollt lag ich schon im Bett, diffuse Gedanken im Kopf, draußen zwei Betrunkene, die sich lallend über ihren Sommer unterhalten.

„Du musst die klarmachen, Alter!“

Ja, Alter, du solltest die echt klarmachen. Ich seufze, versuche, das Gespräch auszublenden. Mein Freund schläft schon neben mir. Für ihn ist es nie ein Problem einzuschlafen. Unser Besuch schnarcht auf der Couch. Ich fühle mich alleine und rolle mich auf der Seite zusammen, schlage die Decke wie einen Schutzschild über mich.

In der Wohnung unter uns schreit ein Baby. Und das bringt das Fass zum Überlaufen.

Einige Sekunden später mahne ich mich schon wieder zu atmen.

Aber wie soll man atmen in einer Wohnung, die einem keine Luft lässt?

Streit mit den Mitbewohnern. Eigentlich nichts Neues. Doch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Mitten in der Nacht. Mir geht es die letzten Wochen nicht gut. Ich wollte im Urlaub Kraft sammeln. Ich habe keine Energie für solchen Bullshit, mische mich trotzdem ein.

Dumme Nichtigkeiten, über die sie sich aufregen. Über die wir uns aufregen.

Putzpläne und deren Einhaltung. Das Nicht- Respektieren von Grenzen. Und ich versuche, ihnen einen Funken Empathie zu entlocken, versuche, sie für Rücksicht zu sensibilisieren. Ich stoße auf taube Ohren.

Mein Freund bleibt ruhig. Im Gegensatz zu mir. Er bringt klare Argumente, dreht ihre eigene Logik herum, zeigt ihnen Beispiele und überträgt ihre Moral überspitzt auf Situationen. Nichts von alledem kommt an.

Und ich merke, wie ich in den Minusbereich gerate. Weniger als null Energie.

Ich hasse es, wenn ich in Diskussionen zu emotional werde. Dinge, die ich anders sagen wollte, brechen hervor. Ich verliere mitten im Satz den Faden und schweige dann für eine Weile, lasse den Ball zwischen meinem Freund und seinem Bruder wandern.

Es wird Rücksicht von ihnen eingefordert. Rücksicht für ihre Probleme und für den Frust, den sie angestaut haben, weil wir unsere Hausarbeit nicht erledigen würden. Es wird eingefordert, immer freundlich zu ihnen zu sein und Verständnis für ihre Macken zu haben.

Ich habe schon mehr Verständnis als jeder normale Mensch. Ich habe mich bereits angepasst und schlucke viel.

Mein Magen verkrampft sich und ich denke an meine Eltern, denke daran, wie nie Platz dafür war, dass mein pubertierendes Vergangenheits- Ich auch Probleme haben könnte. Wie für mich belastende Themen immer mit Floskeln abgewehrt wurden.

„Das wird schon.“

„Du übertreibst.“

„Sieh das mal nicht so eng.“

Es platzt aus mir heraus, dass ich von meinem Mitbewohnern und meiner Familie, die der Bruder meines Freundes ja ist, voraussetze, dass sie Empathie haben, dass sie merken, wann meine Prüfungen sind und wann ich im Stress bin. Insbesondere wenn ich dies ankündige.

Es platzt auch heraus, dass sie mir meine Luft nehmen, dass ich auch gesehen werden möchte und meine Probleme nicht herabgestuft werden. Dass ich Depressionen habe. Das wussten sie schon vorher.

Und in derselben Sekunde, in der es raus ist, hasse ich mich dafür.

Abgrundtief.

Ich könnte kotzen, sosehr hasse ich mich.

Denn ich habe meine Krankheit als Waffe benutzt. Und das ist etwas, was ich nie wollte. Das ist ein Niveau, auf das ich mich nicht herablassen wollte. Das ist ihr Niveau. Und das meine Vaters.

Fuck it. Ich bin wie mein Vater.

Interessanterweise dieselbe Reaktion wie von meinen Eltern. Mir wird vorgeworfen, dass ich übertreibe.

Und in diesem Moment merke ich, dass ich nicht mehr kann.

Wir haben oft diese Diskussionen geführt. Ich bin ruhig geblieben. Ich hatte Verständnis. Liebe ist die Lösung für alles und so. Das war meine Devise. Und die zerbricht mit einem lauten Scheppern, als ich dort im Bad liege und keine Luft mehr bekomme.

Ich habe mehr als alles gegeben. Und ich muss damit aufhören, sonst nimmt mir diese Wohnung mehr als alles.

Ein vertrautes Drama.

Komm her, Dunkelheit, gib mir ein Küsschen. Ah ja, wir sind alte Vertraute. Und meine Dämonen grinsen wissend zurück.

Atmen. Ich muss atmen. Atmen und an nichts denken.

Strömende Luft im Rachen. Meine Lungen, die sich weiten. Mein Herz, dass so laut pocht, dass es in meinem Schädel dröhnt. Atmen.

Draußen knarzt eine Diele.

Einer der Mitbewohner wartet, dass das Bad frei wird. Damit habe ich gerechnet.

Ich atme noch einmal. Bewusst langsam. Ich schaffe das, ich weiß, dass ich das schaffe. ich bin nicht so alleine, wie ich glaube. Und ich kann auch in einer luftleeren Umgebung überleben.

Nachdem ich mir das Gesicht gewaschen habe, verlasse ich das Bad, lege mich in mein viel zu warmes Bett.

Und ich beginne, wieder Mauern zu erichten und Bilanz zu ziehen.

Es ist nicht schön. Ich würde gerne Jeden retten können. Aber ich muss auch mich selbst retten.

Alles, was bleibt, ist der Selbstschutz.

Ich merke mir den Gedanken, hab ich mich selbst doch zu viel vernachlässigt in der letzten Zeit. Ich weiß, dass ich wieder nach oben kommen werde. Aber das schaffe ich nur, wenn ich Schaden begrenze.

Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Und ich bin selbst schuld, dass ich mich jetzt so fühle. Das ist okay. Und wichtig. Ich darf nur das Atmen nie vergessen.

 

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