Warum wir aufhören müssen, Bullshit über Depressionen zu erzählen

Vorsicht: eventuelle Trigger.

Chester Bennington ist tot. Selbstmord mit nur 41 Jahren. Als ich das gestern las, konnte ich es gar nicht glauben.

Normalerweise trifft mich ein Promitod nicht auf diese Weise, nicht so hart und schmerzhaft, dass ich wirklich in Tränen ausbreche. Bei Chester ist das dieses Mal anders. Weil Selbstmord einfach ist. Selbstmord ist so viel einfacher als zu leben.

Linkin_Park_Logo_y_Mienbros

Ich war nie Fan von Irgendwas. Nicht in diesem typischen Fan- Sinn. Ich habe Twilight damals gelesen und ganz gerne gehabt. Zumindest das erste Buch und zumindest bevor es cool wurde. Ich liebe Harry Potter, aber ich bin kein Fan. Ich mag einige Schauspieler extrem gerne, fangirle aber nicht über sie. Und Supernatural bedeutet mir sehr viel (bis zur 5. Staffel), ebenso wie Game of Thrones aber auch hier würde ich mich nicht als Fan bezeichnen.

Bei Linkin Park war und ist das anders. Ich bin nicht nur Fan von Linkin Park, sie haben mich auch lange und oft begleitet und meine Liebe zum Schreiben geweckt.

Ich habe sie etwa 2003 entdeckt, damals als Meteora gerade aktuell und Numb in den Charts war. Damals als man noch auf MTV auf seine Lieblingsband gewartet und Interviews mit ihnen geschaut hat. Damals als es die ersten MP3- Player gab und man von Youtube die Songs in mieser Qualität extrahiert hat.

Zu der Zeit habe ich auch mit den ersten Geschichten begonnen. Zu der Zeit lief Musik bei mir immer im Hintergrund mit, während ich schrieb.

Linkin Park weckten in mir die Liebe zu Musik, die Liebe zu großen Stimmen, zu tollen Lyrics. Sie begleiteten mich beim Aufwachsen und ja, ich habe in meiner Jugend auch ein bisschen für Chester geschwärmt. Wie könnte man auch nicht?

Chester_BenningtonSo ein großartiger Mann. Er sprach damals schon offen über seine Dämonen. Über Depressionen und dass er sich in Drogen und Alkohol flüchtete. Über den Missbrauch in seiner Kindheit.

Und doch hatte er es geschafft und machte das, was er liebte. Und er machte immer die Musik, die er liebte. Auch wenn die nicht immer bei den Fans gleichgut ankam. So mochte ich die letzten beiden Alben von ihnen bis auf weniger Songs auch nicht. Aber ich blieb trotzdem Fan von ihnen. Fan von dem, für was sie standen.

Fan von der Hoffnung und von dem Glauben, dass ich mit Liebe, Freunden und dem, was ich liebte auch meine Dämonen besiegen konnte.

Es ist kein Geheimnis, dass sie mir mit ihren Songs und ihrer Art durch schwere Zeiten geholfen haben. Nicht nur einmal, sondern sehr oft. Immer wenn es mir schlecht ging flüchtete ich mich in ihre Musik. Und ja, irgendwo war da auch dieser Gedanke von „sie machen weiter, also kannst du auch weitermachen.“

Und ich glaube, deshalb tut dieser Selbstmord auch ganz besonders weh.

Ich kannte Chester nicht persönlich. Ich habe die Band 2009 live gesehen, damals mit Minutes to Midnight und bei einem grandiosen Konzert unter freien Himmel in der Ferropolis in Leipzig.

Ich glaube, es tut so weh, weil es plötzlich kommt. Weil ich dachte, er hätte es geschafft und sei geheilt. Dass seine Dämonen ihn jetzt doch gefressen haben kommt wie aus dem Nichts und hat etwas Unheilvolles.

Etwas von „es kann Jeden treffen, wenn wir nicht aufpassen.“ Und das stimmt auch. Es kann Jeden treffen. Unser Leben lang.

Und das tut so weh.

Dass die Dämonen noch da sind, obwohl wir sie besiegt haben. Dass sie jederzeit wieder aus ihren Schatten springen. Und dass auch Chester letztlich seinen Kampf verloren hat, obwohl er von Frau, Kinder, Freunden und Musik umgeben war.

Niemand kann dich retten, wenn du nicht gerettet werden willst.

Das schlimme ist auch, dass ich Selbstmord grundsätzlich verstehe. Ich verstehe, wie es ist, am Bahngleis zu stehen und zu denken, dass es „so einfach wäre“. So einfach, einen Schritt vorzugehen und umgefahren zu werden. Viel zu einfach.

Ich verstehe, dass Leben oft der schwierigere Weg ist.

Wenn es dir schlecht genug geht, wenn du lange genug nichts fühlst und nicht mehr weißt, wer du bist und wie du dich anfühlst und was dein Ich ist… wenn du jeden Tag nur Tod und Grau und Zerstörung und Last um dich herum siehst, dann ist es wirklich erstaunlich einfach, sich das Leben zu nehmen.

Und das sollte es nicht sein. Ein gesunder Mensch möchte leben.

Und Depressionen sollten endlich als Erkrankung akzeptiert werden. Als schwere Erkrankung, die Robin Williams, Robert Enke und nun auch Chester das Leben genommen hat. Es hätte auch Krebs sein können. Es waren aber Depressionen.

Und die Depressionen sind es, die Persönlichkeiten fressen. Die das Leben auf einmal so untragbar machen.

Chester war krank.

Und ich bin unendlich traurig, dass seine Kraft nicht ausgereicht hat, um weiterzumachen. Dass Liebe nicht alle retten kann.

Seit gestern ist ein weiteres Licht erloschen. ein Licht, das mir lange den Weg gewiesen hat, das mir so viel Hoffnung gab. Doch ich werde leuchten und weitermachen. Denn ich will leben. Ich will schreiben.

Und ich will, dass die Welt die Geschichten liest, die dank der Musik von Linkin Park entstanden sind.

Bleibt auch in dunklen Zeiten voller Magie, ihr Lieben und fühlt euch mal gedrückt!

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222

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16 Kommentare zu „Warum wir aufhören müssen, Bullshit über Depressionen zu erzählen

  1. Liebe Caytoh,
    danke für deine Worte. Weißt du, ich bin ein bisschen wie du. Ich fangirle selten, mache kaum einen Hype mit und finde die meisten Dinge sehr gut oder nur gut. Aber ich habe eine Band, die mich seit Jahren begleitet und sie inspiriert mich zu texten. Ich bin dank ihr gesellschaftskritisch geworden. Es ist nicht Linkin Park, aber genau deshalb kann ich dich so gut verstehen… Es tut mir leid für diesen Verlust.
    Für mich war Chester Benningtons Selbstmord genauso ein Schock. Ausgerechnet er? Von einer Band, die mir immer ehrlich mit sich selbst vorkam und offen und ja… lebendig, wenn auch düster. In the End habe ich rauf und runter gehört, in Karaokebars gesungen und es kam mir auch so vor, er hätte es geschafft. Das hat er also nicht… Und das macht mich sehr schwermütig. In meinem Umfeld habe ich Personen, die sich das Leben nehmen wollen. Aus verschiedenen Gründen. Sie sind teils sehr dunkel in ihren Gedanken und allem, was sie sehen und tun. Nichts scheint das ändern zu können. Das tut weh, weil man sich als Freundin hilflos vorkommt und nur sagen kann, dass die Welt ohne sie viel schlechter wäre…
    Deshalb finde ich deinen Beitrag so hilfreich und gut. Ja, weiterzuleben kann schwer sein, aber Krankheiten können besiegt werden, man kann mit ihnen zurechtkommen und lernen, sie zu verstehen. Sie dürfen uns nicht kontrollieren und steuern. Sie sind da und sie sind scheiße, aber sie sind ein Teil dessen, was wir sind und es ist möglich, gut mit ihnen zu leben.
    Schreib weiter, sei mutig und ehrlich und toll. Ich finde das großartig! ❤

    Mika

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    1. Hallo Mika 🙂
      Wow, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. So viele liebe Worte und ich danke dir von Herzen, dass du verstehst und mir dein Beileid ausdrückst. Wie du sagst: Depressionen sind eine Krankheit und sehr gut behandelbar. Wir müssen weg von der Idee, dass wir immer alles alleine schaffen müssen oder dass psychische Leiden ja ganz von alleine verschwinden. Das tun sie nicht. Ich hab mich jahrelang selbst therapiert, gesund wurde ich aber erst durch Antidepressiva und meine Psychologin. Alles an sich selbst kann man ja auch gar nicht verstehen und therapieren.
      Ich kenne aber auch die Seite des Außenstehenden. Die Seite, wo du nur danebenstehen und zuschauen kannst, wie ein Freund in dunklen Gedanken versinkt. Und da finde ich, machst du deine Sache gut. Du versuchst zu verstehen. Du sagst, dass die Personen dir etwas bedeuten. Und zumindest mir hat der Gedanke daran immer geholfen, dass da Jemand ist, dem es scheiße gehen würde, wenn ich mich jetzt umbringe. Was du noch versuchen kannst: ich habe eine Weile eine Art Spiel mit meinem Freund gespielt. Wir haben uns abends nochmal 15 Minuten zusammengesetzt und zusammengetragen was gut an dem Tag war (ohne ein Warum). Einfach nur, was wir jeweils gut fanden und wofür wir dankbar sind. Das hilft, um den fokus von all dem Schlechten mal wieder auf das Gute, was ja auch parallel existiert, zu lenken.
      Ich schicke dir und deinen Freunden ganz viel Kraft und wünsche euch, dass ihr gemeinsam aus der Dunkelheit findet! ❤
      Ganz dicker Drücker
      Cay'

      Gefällt 1 Person

    1. Huhu,
      das fühlt sich bestimmt für Jeden, der Depressionen hat, anders an, denn jede Krankheit ist ja ein bisschen anders. Ich muss sagen, dass sich Suizid für mich zu einigen Zeiten leichter anfühlte, als zu leben. Zu leben ist so viel schwieriger. Natürlich, der Körper lässt sich nicht eifnach umbringen, es ist ziemlich schwer, sich das Leben zu nehmen. Und dann stehst du am Bahnhof und wartest auf die U-Bahn und es ist tatsächlich schwer, sich NICHT davorzuwerfen. Das ist wie gesagt nur mein Empfinden und ich kann da absolut nicht für Jeden sprechen und erstrecht nich für Chester. Was den Ausschlag für ihn gegeben hat, werden wir nie wissen. Was ich aber in Erinnerung behalten möchte ist, dass er trotz seiner Depressionen unendlich freundlich, fröhlich und liebenswert war. Er hat so viele Menschen, so viele Künstler inspiriert. Er hat sein Bestes gegeben, wurde von den Besten unterstützt… aber wie das mit Krankheiten ist: manchmal verliert man trotzdem.

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