Wie der Tod uns verändert und was wir wirklich von ihm lernen können

Nur der Tod ist sicher. Das wissen wir alle. Auch du wirst jetzt sicherlich innerlich zustimmen oder mir nickend recht geben. Wir wissen es. Aber zwischen „wissen“ und „akzeptieren“ liegen Welten.

Wenn wir wissen, dass wir alle sterben müssen, warum verdrängen wir das dann jeden Tag? Doch dazu muss ich weiter ausholen. Natürlich ist der Tod auch für mich ein intimes Thema. Nichts, worüber ich gerne schreibe. Auch mir fällt das hier schwer. Nach außen scheint das immer so einfach, wenn Blogger über alles plaudern. An vielen Ende ist es das ganz und gar nicht. Aber ich möchte trotzdem sprechen und ich möchte ehrlich zu euch sein, auch wenn wir in dieser schnelllebigen, unpersönlichen Onlinewelt leben.

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Warum jetzt? Warum schreibe ich jetzt, mitten im Sommer, über den Tod?

Mein Cousin ist letzte Woche gestorben. Für mich kam die Nachricht aus heiterem Himmel. Ich wusste nur, dass sein Krebs zurück ist udn er Chemo bekommt. Wie das so ist, dachte ich mir aber: „Das wird schon wieder.“ Und dann die Nachricht, dass er tot ist. Ich hatte ihn in den letzten Jahren nicht so oft gesehen, bin aber quasi mit ihm aufgewachsen. Er war genauso alt wie ich. Tot mit 26 Jahren.

Und es stimmt wirklich: es kann jederzeit vorbeisein. Auch wenn es scheinbar für seine Eltern (meinen lieben Onkel und meine herzliche Tante) abzusehen war, dass er sterben würde, ist das doch eifnach nur schrecklich. In so jungen Jahren. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Und hatte durch verschiedene Erkrankungen ja noch gar nicht richtig damit angefangen. Letztes Jahr noch tauschten wir uns darüber aus, dass er so gerne auf Youtube Videos posten würde, sich aber noch nicht so richtig traue. Und jetzt wird er das nie mehr können.

Er sei friedlich eingeschlafen und endlich erlöst von seinem Leid. Die Worte von meinem Papa. Für mich sind sie ganz großer Bullshit, für mich stoßen sie sauer auf. Der Junge war Mitte zwanzig. Was hatte er denn vom Leben, egal wie friedlich er nun gestorben ist? Aber ich kann verstehen, warum er das gesagt hat. Er wollte sich beruhigen. Und glaubte, auch mir so zu helfen.

Klar, die Hoffnung auf einen friedvollen Tod tröstet in solch schweren Zeiten. Sie nehmen ein wenig die Last.

Aber der Tod ist immer scheiße.

Und ich glaube auch, dass ich mich nie wirklich darauf gefasst machen kann. Dass er immer plötzlich in mein Leben prescht, ein tiefes Loch in mein Innerstes reißt und ich es wieder flicken darf.

Bei langer Krankheit oder hohen Alter rechne ich freilich damit. Ich sehe auch, bei wem der Tod demnächst vor der Haustür steht. Das macht es aber nicht weniger schrecklich, wenn es dann soweit ist. Denn ich glaube auch, dass ein Fünkchen Hoffnung bis zum Schluss in mir flüstert, dass es doch noch ein Wunder geben könnte. Und das wird dann auch zerschmettert, wenn es soweit ist.

Der Mensch, den man gekannt und geliebt hat ist dann für immer weg.

Trotzdem musste ich 2013 erfahren, dass es noch eine ganz andere Hausnummer an Katastrophen gibt. Ende April ist aus heiterem Himmel mein Patenonkel auf der Arbeit verunglückt. Er wurde von einem LKW erfasst und hat nicht überlebt. An exakt diesem Tag bin ich von Berlin zu meinen Eltern nach Thüringen gefahren und war voller Vorfreude.

Wie mich mein Papa abgeholt hat, werde ich nie vergessen.

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Ich habe ihn auf seinen betroffenen Blick hin ziemlich direkt gefragt, ob mein Opa verstorben sei, dem es zu dem Zeitpunkt gesundheitlich sehr schlecht ging. Aber nein, es war mein Onkel. Mein Onkel den ich als Kind mehrfach die Woche gesehen hatte. Der vor einigen Wochen seine Rente geplant und munter gescherzt hatte.

Wie gesagt: meistens kann man sich auf den Tod vorbereiten, zumindest einigermaßen. In dieser Situation kam alles urplötzlich. Und es war einfach nur schlimm. Ich glaube, ich habe bis heute nicht begriffen, dass er wirklich weg ist.

Da gibt es immer noch diese Momente, wo ich ihn in der Hofeinfahrt erwarte. In denen ich mich beim Gedanken ertappe, ihn etwas fragen zu wollen. Und dann ist er einfach nicht mehr da. Und dieser schmerz sitzt so viel tiefer als jeder andere Tod davor. Die Sicherheit, die mir entrissen wurde, hat ihn verursacht. Der glaube daran, dass „uns doch nicht so etwas Schlimmes passiert“ und „es doch immer die Anderen trifft“.

Ja, das denken wir alle irgendwo.

Es ist hart, das zuzugeben, aber dieser Glaube ist da.

Du siehst einen Hurricane in den USA. Zerstörte Häuser. Ach, weit weg. Randale in Hamburg, brennende Autos. Passiert hier nicht. Etwas krasser: ein ermordetes Kind im Nachbarort. Die arme Familie, aber wird mir nie passieren.

Dieses Denken ist einfach da und das ist okay. Es schützt dich, es hüllt dich in deinen Wattebausch und lässt dich beruhigt weiterleben.

Mein Wattebausch wurde im Frühjahr 2013 angezündet. Dass ich einen weiteren, mir sehr lieben Onkel und meinen erwähnten Opa in demselben Jahr verlor, hat nicht geholfen, ihn mir wiederzugeben. Auch meine beiden Chinchillas starben in diesen Jahr. Einen von ihnen musste ich gemeinsam mit meiner Schwester sogar einschläfern lassen. So sehr ich es begrüße, Tiere auf diese Weise von ihrem Schmerz zu erlösen, so furchtbar war es dennoch, die Entscheidung treffen zu müssen und dabei zu sein.

Und nun, nach 4 Jahren ist es also wieder soweit. Der Kapuzenmann klopft wieder an die Tür meiner Familie.

Wird es einfacher? Nein, es wurde nicht einfacher. Ich bin nicht härter geworden durch all den Tod, den ich erlebt und gesehen habe. Es trifft mich immer noch hart und unvorbereitet als würde ich aus hundert Metern Höhe auf blanken Beton knallen.

Heilt Zeit alle Wunden? Unfug. Ganz großer noch dazu. Der Zeit ist das scheißegal, ob du stirbst, ob deine Familie stirbst und was überhaupt passiert. Die Zeit läuft einfach weiter. und Wunden heilen nicht einfach so.

Es ist harte Arbeit gewesen (und ist es noch) mich trotz all dieser Löcher zusammenzuhalten. Mit der Zeit werden Narben daraus, die Niemand sehen kann. Ganz verheilen die Wunden aber nie. Ich sortierte mich nur, wachse drumherum und entwickle mich weiter. Stärker machen solche Zeiten keinesfalls.

Nach so etwas ist man nie mehr derselbe. Ich jedenfalls werde durch den Tod jedesmal verändert. Ich bin nie mehr diesselbe wie zuvor. Und es stimmt schon, dass ein Stück von einem Selbst mitstirbt.

Wie du mit deinem Schmerz umgehst, das liegt ganz an dir. Du kannst schreien, weinen, dich verkriechen. Ich bin Jemand, der dann einige Tage Ruhe sucht und still und alleine trauern möchte. Danach muss ich mich aber wieder in Arbeit stürzen und ins Handeln kommen, sonst würde ich vermutlich (wieder) in einer fetten Depression enden.

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Wenn ich sage, dass Zeit nicht alle Wunden heilt und du nicht stärker als schweren Zeiten hervorgehst, woran glaube ich dann?

Ich glaube, dass mich persönlich der Tod wieder in das Leben holt. Das klingt paradox. Aber wenn ich meine Narben betrachte, wenn ich an den Schmerz denke, an die Tode, dann erinnert mich das an Endlichkeit.

Dann erdet mich der Tod und sagt mir, dass meine Zeit begrenzt ist. Und ja: auch dass ich jederzeit sterben könnte.

Deshalb laufe ich nicht paranoid durch die Gegend oder lebe nur für den Tag. Aber ich habe mit meinem Freund gesprochen, was ich mir für eine Beerdigung wünsche, was er unbedingt machen soll, wenn ich plötzlich sterben sollte. Und für mich fühlt sich gut an, das geklärt zu haben.

Ich verarbeite Tode beim Schreiben. Bei meinem Herzensprojekt gab es gerade zum Ende hin eine Stelle, bei der ich seitenlang weinen musste und mich immer noch nicht daran traue, sie erneut zu lesen und zu korrigieren. Nach der Beerdigung von meinem Patenonkel habe ich sogar eine Kurzgeschichte geschrieben, weil ich diese diffusen Gefühle niederschreiben wollte.

Ich habe gelernt, im Jetzt zu leben, Momente und Familie mehr zu genießen. Ich gebe bei Streitigkeiten schneller kleinbei (obwohl ich sehr stur bin) und lieber dem Anderen mal Recht, statt weiter wütend zu sein. Zumindest wenn es Banalitäten sind. Ich akzeptiere, dass meine Eltern andere Ansichten haben und die auch haben dürfen. Und ich versuche, mich nicht (zu sehr) darüber zu ärgern. Ich sage öfter „Danke“ statt Jemanden zu maßregeln, was er schon wieder falsch gemacht hat. Und ich versuche so oft wie möglich das zu tun, was ich liebe.

Und wenn ihr (gerade aus dem letzten Absatz) etwas für euch mitnehmen konntet oder auch eure Veränderungen mit mir teilen möchtet, freue ich mich immer über Kommentare, Mails oder (virtuelle) Umarmungen!

Bleibt magisch und voller Wunder, ihr Lieben!

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